4. Eintrag (11. Dezember)

Mein Jahr 2024 neigt sich dem Ende und damit ist auch fast schon die Hälfte des Auslandsaufenthalts um. Dabei bin ich doch quasi gestern erst hier angekommen!?

Inzwischen ist die US-Wahl schon wieder vorbei und wir wissen alle wie sie ausgegangen ist. Doch völlig unabhängig vom Resultat ist mir besonders aufgefallen, wie unglaublich schnell dieses gesamte Thema US-Politik an Relevanz und Aufmerksamkeit verloren hat. Natürlich ist mir bewusst, dass wir uns in einem sehr schnelllebigen Zeitalter befinden, aber so schnell hatte ich es dann auch wieder nicht erwartet. Niemand spricht mehr darüber. Vielleicht auch, weil die Bürger:innen im demokratischen Maryland nicht über das Desaster sprechen wollen, aber ich glaube hauptsächlich einfach aus dem stumpfen Grund, weil nur die Wahl an sich das Spannende war. Die Leute haben schlichtweg das Interesse verloren und man widmet sich wieder anderen Themen wie Football, Thanksgiving oder welches C-Promi-Paar sich diesmal getrennt hat.

Apropos Schnelllebigkeit! So schnell können sich die Dinge ändern. Im letzten Eintrag hatte ich noch darüber berichtet, dass ich die Chance, etwas mit Locals zu unternehmen, nicht wirklich in Anspruch nehme, da mir der Kontakt zu meinen deutschen Freunden langfristig gesehen wichtiger und sinnvoller erscheint. Daran hat sich zwar grundsätzlich auch nichts geändert, aber dennoch habe ich in den letzten Tagen erstaunlich viel mit meinen neuen Chorleuten hier unternommen, die ich mittlerweile ebenfalls zu meinen Freunden zählen würde. Das sind alles sehr liebe Menschen, die sehr gut zu mir passen und die einen oder anderen haben schon scherzhaft erwähnt, dass sie es bereuen, sich mit mir angefreundet zu haben, weil sie mich jetzt ab Juli vermissen werden.

Wir hatten zusammen schon zwei wundervolle Konzerte, schöne gemeinsame Dinners, haben eine Kommilitonin bei ihrem Klavierkonzert angefeuert und morgen zum Beispiel geht es ins Kino (natürlich nicht, ohne vorher oder nachher essen zu gehen). Jetzt wo das Semester vorbei ist und meine College-Phase endet, werden wir uns alle nicht mehr zweimal die Woche sehen. Ich hoffe das ist der Anlass dafür, mehr in der Freizeit zu planen, damit man sich nach wie vor regelmäßig sieht.

Wo wir schon mal beim Chor sind. Genau heute vor einem Monat war Veterans Day und wir als College-Chor haben eine kleine 60-minütige Veranstaltung zu Ehren der Veterane musikalisch untermalt. Selbstverständlich mit den zwei patriotischsten Liedern, die man sich nur vorstellen kann: „A Tribute to the Armed Services“ und natürlich „The Star-Spangled Banner“ (die Nationalhymne). Es hat sehr viel Spaß gemacht, Teil dieser Veranstaltung gewesen zu sein und diese Lieder zu singen, allerdings habe ich mich dann doch bei all dem Nationalstolz etwas Fehl am Platz gefühlt (erst recht mit dem US-Anstecker, der mir gegeben wurde).

Grundsätzlich finde ich Nationalstolz ja gar nicht schlecht, im Gegenteil! Ich finde, wer stolz auf sein Land ist, ist auch zufrieden mit seinem Land und Glücklichkeit ist doch alles was zählt. Was diesen Patriotismus dann aber doch wieder etwas ins schlechte Licht rückt, sind Phrasen wie: „We live in fame or go down in flame. For nothing can stop the US Air Force!“. Das klingt für mich ehrlicherweise viel zu sehr nach Kriegsverherrlichung.

Was fällt einem neben Patriotismus noch ein, wenn man an USA denkt? Der „American Dream“! Vom Tellerwäscher zum Millionär! Mit diesem Denken habe ich auch bereits Bekanntschaft gemacht. Ich dachte, heutzutage ist jedem bewusst geworden, dass das nicht so einfach ist wie es klingt, aber ich habe durchaus mit jungen Menschen geredet, die fest daran glauben. So wie Dylan. Mit Dylan habe ich mal in der Cafeteria zusammen gesessen und gequatscht. Er studiert Theaterschauspiel, möchte aber später Wrestler werden (was ja nicht wirklich weit davon entfernt ist). Ich wollte eigentlich nur essen und mich dabei ein bisschen unterhalten. Plötzlich aber war ich gefangen in einem Vortrag über die Kunst des Wrestlings und die größten Wrestler aller Zeiten. Für Dylan gibt es nichts faszinierenderes. Und deswegen ist ihm auch völlig egal, wie unwahrscheinlich es ist, einer der großen Stars zu werden. Für ihn kommt nichts anderes in Frage! Natürlich gibt es auch viele Menschen, deren großer „American Dream“ tatsächlich wahr geworden ist und ich finde es auch absolut nicht schlecht, dafür zu kämpfen. Trotzdem sollte man sich vorsichtshalber darauf gefasst machen, dass es eben nicht klappt und sich schonmal nach einem Plan B umschauen.

Eigentlich möchte ich in diesem Blog den negativen Themen gar nicht so viel Raum geben und ich versuche mich auch kurz zu fassen, aber da ist etwas, was mich schon nahezu die gesamte Zeit über hier in den Staaten begleitet, und zwar die Jobsuche. Teil des PPPs ist es ja, von Januar bis Juni in einem US-Unternehmen zu arbeiten, um letztendlich sowohl das Studenten- als auch das Arbeitsleben hautnah miterlebt zu haben. Das Programm sieht vor, dass wir Stipendiat:innen uns selbst um die Jobsuche kümmern. Und ganz ehrlich? Der Jobmarkt ist ein weiterer Aspekt, an dem wir uns in Deutschland wirklich sehr glücklich schätzen können. Wir haben echt ein großes Privileg, von so vielen Unternehmen händeringend gewollt zu werden. Es ist wirklich nicht schwer, in Deutschland Arbeit zu finden, was hier drüben allerdings ganz anders ist. Die Gründe dafür kenne ich zwar nicht, aber Fakt ist, dass man hier nahezu betteln muss, um an einen halbwegs vernünftigen Job zu kommen, für den man eigentlich viel zu überqualifiziert ist. Mittlerweile habe ich meine Erwartungen schon so sehr herunter geschraubt, dass ich bereit für jede Art von Job wäre, aber bisher hatte ich nicht einmal mit der Einstellung Erfolg. Es geht schon so weit, dass ich an einer Baustelle vorbeifahre und mir denke: „Die Bauarbeitenden haben zwar nicht den angenehmsten Job, aber sie HABEN einen!“. Also ich persönlich mache drei Kreuze in den Kalender, sobald ich irgendeinen Arbeitsvertrag unterschrieben habe. Mal schauen, hinter welcher Theke ich dann nächstes Jahr stehe.

Abgesehen davon geht es mir aber momentan extrem gut. Durch das Semesterende ist tatsächlich das Stresslevel in den letzten Wochen ein wenig gesunken, sodass ich die Zeit mit Freunden noch mehr genießen konnte. Wobei ich diesmal nicht so oft die Stadt verlassen habe, sondern derjenige war, der besucht wurde. Und auch wenn ich anfangs zumindest kurz von den kalten Tagen mit sehr wenig Sonnenstunden heruntergezogen wurde, hat mich sehr zeitnah danach der „Christmas Spirit“ gepackt. Vor allem als ich vor eineinhalb Wochen auf dem Weg nach Pittsburgh durch verschneite Landschaften gefahren bin, mich auf den Pittsburgher Weihnachtsmarkt und auf Becci und Charly gefreut habe, dabei laut „Modern Christmas Songs“ gehört habe und einfach nur eine gute Zeit hatte.